Probekapitel Sanctum - Eternal Flame
- Sin Marlowe
- 12. Aug.
- 13 Min. Lesezeit
Schmerz.
Schmerz.
Er bohrte sich in jede Zelle meines Körpers. Unentrinnbar. Allumfassend. Ein Zittern durchlief mich und ich presste mich enger hinter die Müllsäcke und Tonnen, als könnten sie mich davor bewahren. Schließlich hatten sie mich in den vergangenen Tagen vor dem Sonnenlicht geschützt, das nicht nur in meinen Augen gebrannt, sondern sich schier durch meine Haut gefressen hatte.
Es ist ein Fieber. Das muss es sein. Bloß ein Fieber.
Wie um mir zu antworten, heulte der herbstliche Wind durch die Gassen, schlüpfte durch die Löcher in meiner Kleidung, ließ mich frösteln. Die Sonne ging langsam unter und mit ihr verschwand die eigenartige Müdigkeit, die mich tagsüber mit eisernem Griff in einen tiefen Schlaf gezogen hatte. Eine gnädige, wenn auch kurzweilige Pause von den Schmerzen.
In dieser bitteren Kälte sehnte ich mich nach einem warmen Bett, etwas, das ich mir die letzten Jahre konsequent verboten hatte. Aber seit ich vor zwei Tagen überfallen worden war, und diese Tortur begonnen hatte, ertrug ich nicht einen Schritt in der Sonne – geschweige denn den Trubel der anderen Menschen.
So sehr mich dieser süße Geruch auch auf die Straße lockte. Bei dem Gedanken daran musste ich schlucken, doch meine Kehle war trocken, meine Adern wie ausgedörrt.
Unfähig, mich zu bewegen, wartete ich also, dass das, was auch immer ich mir eingefangen hatte, vorbeiging. Selbst die Dehnübungen meiner Tanzausbildung, die ich sonst täglich machte, musste ich aussetzen. Etwas, das mich mehr quälte als jeder physische Schmerz.
Die Hintertür eines Clubs öffnete sich und riss mich aus meinem Selbstmitleid. Gäste traten in die Gasse, die mir bis jetzt als Rückzugsort gedient hatte.
Wummernde Bässe aus dem Inneren des Clubs bohrten sich in meinen Schädel. Die Schallwellen brachten meinen ohnehin schmerzenden Kopf beinahe zum Platzen, angestrengt biss ich die Zähne zusammen.
Wegzulaufen, war keine Option. Nicht wenn ich unentdeckt bleiben wollte. Meine Beine zitterten ohnehin zu sehr, als dass sie mich sicher an einen anderen Ort hätten bringen können.
Eine erneute Schmerzwelle erfasste mich, ich krümmte mich zusammen, mein Magen protestierte. Hunger war kein unbekanntes Gefühl, aber in den letzten Tagen war er unerträglich geworden. Vielleicht eine Magenverstimmung? Es musste mindestens ein Fieber sein. Und dieses dumpfe Pochen an meinem Zahnfleisch trieb mich ebenfalls in den Wahnsinn.
Ein scharfer Schmerz ließ mich zusammenzucken, etwas Warmes lief an meinem Kinn herab.
Verdammt.
In dem Versuch, mich stillzuhalten, hatte ich mich in die Unterlippe gebissen. Ich wischte mir mit dem Handrücken über den Mund und starrte auf die rot verschmierte Haut. Wieder schoss ein stechender Schmerz in meine Magengegend.
Was zur Hölle war los mit mir? Meine Kehle brannte, als hätte man mir eine glühende Fackel den Rachen hinuntergestoßen. Ich war so verdammt durstig ...
Feuerzeuge klickten ganz in der Nähe, dann stieg mir beißender Rauch in die Nase, der selbst vom Gestank des Mülls nicht überdeckt werden konnte.
Ich drückte mich noch tiefer in die Müllsäcke, versuchte, mit meiner Umgebung zu verschmelzen, und beobachtete die Gruppe in ihrer merkwürdigen Aufmachung. Die Frauen trugen allesamt eine Art sexy Nonnenkostüm, doch die Kreuze darauf waren verkehrtherum. War denn schon Halloween?
Stirnrunzelnd versuchte ich, mich an das heutige Datum zu erinnern. Nein, der 31. Oktober konnte noch nicht sein und keiner der anderen Gäste trug eine ähnliche Verkleidung.
Eine der Frauen strauchelte in ihren High Heels. Sie verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden – vermutlich war sie angetrunken. Ein lautes Fluchen drang an meine Ohren, dann verschlug es mir den Atem. Ein Duft wehte zu mir herüber, ein berauschender Duft, so betörend und lebendig, dass jeder rationale Gedanke aus meinem Kopf verschwand. Mein Verstand setzte aus, wurde durch bloßen Instinkt ersetzt. Köstlich …
In einem Moment kauerte ich noch hinter den Mülltonnen, im nächsten saß ich rittlings auf der Frau und umklammerte ihr Handgelenk – starrte auf die aufgeschrammte, blutverschmierte Handfläche. Wieder war da dieser scharfe Schmerz an meinem Zahnfleisch.
Die Frau unter mir schlug nach mir, versuchte, mich abzuschütteln. Die dumpfen Schreie ihrer Begleiter drangen kaum durch den roten Schleier, der sich über mich gelegt hatte. Ich beugte mich vor, meine Lippen öffneten sich …
Eine fremde Kraft schleuderte mich gegen die Backsteinwand des Clubs und presste mir sämtliche Luft aus der Lunge. Unerbittliche Finger schlossen sich um meine Kehle, schnürten mir zwar nicht die Sauerstoffzufuhr ab, sorgten aber dafür, dass ich mich nicht rührte. Ein tiefes Knurren erklang und ich starrte in das seltsamste Augenpaar, das ich je gesehen hatte. Die Iris des einen schimmerte in einem satten Grün, während das andere stechend weiß war. Als besäße das linke Auge nur eine Pupille, ohne eine dazugehörige farbige Iris.
Diese unnatürlichen Augen schienen jedes Detail an mir wahrzunehmen, nur um sich dann zu Schlitzen zu verengen. Der Angreifer trat näher. Seine Nasenflügel weiteten sich. Schnupperte er an mir?
Was zum Teufel?

»Du jagst in meinem Territorium, Topolina? Nicht klug. Ich kenne dich nicht, und du riechst … neu. Außerdem siehst du aus, als wärst du am Verhungern. Wer ist für dich verantwortlich?«
Ich starrte ihn an, unfähig, eine Antwort zu formen. Nicht, solange der Duft dieser Frau noch immer all meine Sinne in den Bann zog.
Das Gefühl seiner Finger um meine Kehle war unangenehm, doch die kühle Glätte des Leders seiner Handschuhe linderte das Brennen meiner erhitzten Haut ein wenig.
In einem Versuch, mich zu befreien, tastete ich fieberhaft nach seinem Handgelenk. Doch er rührte sich nicht einen Millimeter.
Verfluchtes Arschloch.
Frustriert kratzte ich ihm über den Unterarm. Das Geräusch zerreißenden Stoffs ertönte, etwas Warmes, Nasses spritzte über meine Finger und ich zuckte erschrocken zusammen. Lange, tiefe Wunden zogen sich über seine sonst makellose Haut, Blut quoll daraus hervor.
Der intensive, kupfrige Geruch raubte mir schier den Atem. Ich starrte auf meine Finger – auf die scharfen Krallen, die dort wuchsen, wo vorher meine Fingernägel gewesen waren.
»Was zum …«, stieß ich hervor.
Der Mann wirkte genauso überrascht wie ich. Sein Blick wanderte zwischen seinem Unterarm, meiner Hand und meinem Gesicht hin und her, als versuchte er, ein Puzzle zu lösen. »Also doch keine kleine, hilflose Maus, sondern ein Kätzchen mit Krallen?« Er klang erheitert. Es schien ihn nicht im Mindesten zu beunruhigen, dass mir Krallen gewachsen waren, mit denen ich seinen Unterarm zerfetzt hatte. Ohne mich auch nur einen Herzschlag lang aus den Augen zu lassen, sprach er die noch wartenden Frauen hinter uns an. »Holt die Ghuls! Es könnte sein, dass ich hier Verstärkung brauche.«
Eine der Frauen stolperte in den Club zurück, um zu holen, wen auch immer er mit ›Ghuls‹ meinte. Der misstrauische und zugleich ängstliche Blick, den sie mir über die Schulter zuwarf, sandte mir einen eiskalten Schauer den Rücken hinunter.
An wen bin ich hier bitte geraten?
Ich starrte erneut auf die Wunden, deren Wundränder sich bereits langsam schlossen. Sie wuchsen zusammen, bis nur noch blassrote Linien zurückblieben, die zunehmend schwächer wurden.
Mein Herz setzte einen Schlag aus, bevor es wie wild zu rasen begann. Adrenalin rauschte mir durch die Adern, entfachte meinen Fluchtinstinkt, als ich versuchte, mich von ihm loszureißen. Von meinem Widerstand offenbar gelangweilt, runzelte er die Stirn und löste seinen Griff um meine Kehle. Meine Beine gaben nach und ich stürzte ungelenk vor seine Füße.
Mit einem spöttischen Lächeln sah er auf mich hinab. Seine Oberlippe kräuselte sich und etwas Scharfes blitzte im schwachen Licht des flackernden Neonschilds auf. Fangzähne.
Was für ein Monster ist das?!
Mit einem entsetzten Aufschrei versuchte ich, von ihm wegzukriechen. Panik packte mich an der Kehle, wie es zuvor seine Finger getan hatten, meine Ohren dröhnten vom Geräusch meines rauschenden Bluts. Ich war in einem Horrorfilm gelandet und mein Körper war zu kraftlos, um wegzurennen. Jedes Mal, wenn ich auf die Beine kommen wollte, gaben sie bebend unter mir nach und die Flucht in eine Sackgasse voller Mülltonnen versprach keine wirkliche Rettung, mir fehlten Alternativen.
Ein frustrierter Seufzer über mir ließ mich innehalten und erschrocken aufsehen. Ich bemerkte, wie er sich in die Nasenwurzel kniff, als könne er selbst nicht glauben, wie sich seine Nacht entwickelt hatte. Er konnte gerne mit mir tauschen.
»Non ho tempo per queste stronzate«, murmelte er vor sich hin.
Ist das Italienisch?
Mit einem Schritt war er über mir und beugte sich herab, um meinen Oberarm zu packen und mich auf die Beine zu ziehen. »Du wirst mitkommen«, sagte er knapp und zerrte mich in Richtung der Tür, die in den Club führte.
»Einen Scheiß werde ich, lass mich los!« Meine Stimme war dünn, obwohl ich versuchte, mehr Stärke hineinzuzwingen. Mir fehlte jegliche Kraft und meine lächerliche Gegenwehr war so effektiv, wie gegen eine Wand zu schlagen – sie schien ihn nicht im Geringsten zu beeindrucken. Stattdessen drehte er den Kopf zu den drei Männern in schwarzen Uniformen neben uns und beauftragte sie, sich um die verletzte Sorella zu kümmern. Dann stieß er die Tür auf und schleifte mich mit sich.
Wenn die Sinneseindrücke in der Gasse ein Albtraum gewesen waren, dann war das Innere des Clubs die Hölle. Die Musik wummerte mir in den Knochen, der Bass drohte, mir den Schädel zu sprengen. Die flackernden Lichter nahmen mir jegliche Orientierung, und selbst meine geschlossenen Lider halfen nicht gegen den grellen Schmerz, der von meinem Kopf in jeden noch so entfernten Winkel meines Körpers schoss.
Doch da war noch etwas anderes unter all dem Lärm. Ein weiteres Geräusch, ein dumpfes Pochen, rhythmisch und unwiderstehlich und so anziehend. Das Schlagen hunderter Herzen. Nein, es musste mein eigenes sein, das mir aus dem Brustkorb zu springen drohte, denn wer konnte schon den Herzschlag anderer Menschen hören?
Trotzdem weckte dieses Geräusch den Schmerz in meinem Bauch und meinem Zahnfleisch, und meine Knie gaben nach. Wie durch Watte drang der Fluch des Mannes zu mir, als er mich wieder hochzog. Die Welt kippte, dann drückte sich etwas Hartes in meinen Magen und ich war kopfüber. Das Blut schoss mir in den Kopf, meine verfilzten Haare hingen mir ins Gesicht und sein Rücken füllte mein Sichtfeld.
Trägt er mich wirklich wie einen Sack Mehl durch diesen verdammten Club?
Ich wusste nicht, worüber ich wütender war: dass er mich so behandelte oder dass ich zu schwach war, um mich anständig zu wehren. Meine Fäuste trommelten auf seinen Rücken, doch er ignorierte es. Niemand schien es zu interessieren, dass hier ein Mann eine Frau gegen ihren Willen durch den Club schleppte. Stattdessen teilte sich die Menschenmasse sogar für ihn wie Wasser um einen Felsen.
Die, die ihn nicht rechtzeitig bemerkten, wichen spätestens dann zurück, als er ein weiteres, warnendes Knurren von sich gab. Hat er gerade ernsthaft wie ein wildes Raubtier geknurrt? Einige Gäste nickten ihm zu, andere senkten demütig den Kopf. Wo war ich hier nur gelandet?
Er trug mich durch eine bewachte Tür und einen menschenleeren Gang entlang. Weg von der Musik. Das Dröhnen in meinen Ohren ließ langsam nach und ich seufzte erleichtert auf.
Dabei vergaß ich für einen Moment meine Wachsamkeit, denn plötzlich wurde ich mit einem Ruck fallen gelassen und plumpste auf etwas Weiches – ein Sofa. Fieberhaft scannte ich meine Umgebung: Es gab nur ein einziges Fenster und die Tür, durch die wir gekommen waren, keine offensichtliche Fluchtmöglichkeit. Davon konnte mich auch der hier zur Schau gestellte Luxus nicht ablenken.
Mit meinen zerrissenen, dreckigen Klamotten war ich hier mehr als fehl am Platz. Verdammte Ohrensessel, ein Mahagonitisch und eine gut ausgestattete Minibar. Auch der übertrieben große Fernseher würde mir nicht helfen, von hier zu fliehen.
»Wer zum Teufel bist du? Irgendein Perversling, der Frauen von der Straße entführt?!«, fuhr ich den Mann an, dem ich die zweifelhafte Ehre meiner Anwesenheit hier zu verdanken hatte. Er lehnte an einem der Ohrensessel, die Arme vor der Brust verschränkt, und beobachtete mich wie etwas, das unter einem Mikroskop lag.
Hoffentlich wirkte ich auf ihn unerschrockener, als ich mich
fühlte. Immerhin hatte er in der Gasse bewiesen, dass er wesentlich stärker war als ich und ich im Ernstfall keine Chance gegen ihn hatte. Fake it till you make it.
Doch er schien völlig unbeeindruckt, denn er hob nur eine Augenbraue und verzog die Lippen zu einem amüsierten Schmunzeln.
Er schien Ende dreißig, maximal Anfang vierzig, sein braunes Haar war an den Schläfen bereits von einigen grauen Strähnen durchzogen. Zusammen mit dem fein säuberlich getrimmten Schnurrbart erinnerte er mich an den amerikanischen Schauspieler aus den Horrorfilmen, die mein Vater immer gern gesehen hatte. Vincent Price?
»Hätte ich dich entführt, wüsstest du es. Und ich kann dir versichern, ich habe kein Verlangen nach … dir.« Sein Ton war abfällig, während er mein zerlumptes Erscheinungsbild demonstrativ musterte. Hitze stieg mir in die Wangen, Scham und Demütigung ließen
sie brennen. Was fiel diesem Idioten ein? Trotz Schmerz und Hunger flammte Wut in mir auf und ich sprang vom Sofa auf, um mich ihm zuzuwenden. »Was denkst du eigentlich, wer du bist, du arrogantes Stück …«
Ein warnendes Grollen stoppte meine Tirade, erneut zog er seine Oberlippe zurück und entblößte damit ein Paar scharfer Fangzähne. Sofort ließ ich mich wieder aufs Sofa sinken und schluckte schwer. So lächerlich die Laute auch waren, die er von sich gab, waren sie doch eindrucksvoll genug, dass ich es mir zweimal überlegte, ob ich ihn weiter reizte. Selbst ich hatte ein gewisses Maß an Überlebensinstinkt – große Klappe hin oder her.
»Kluge Entscheidung.«
Dieser verdammte …
Jeder Instinkt in mir wollte ihn in die Schranken weisen, ihm dieses Alpha-Gehabe austreiben und das arrogante Schmunzeln vom Gesicht wischen. Stattdessen grub ich die Nägel in meine Handballen und biss die Zähne so fest zusammen, dass mein Kiefer schmerzte. Es kostete mich sämtliche Zurückhaltung, doch die Jahre auf der Straße hatten mich gelehrt, wann es besser war, den Mund zu halten, um zu überleben.
»Okay, nächster Versuch«, sagte er, seine Stimme mühsam beherrscht, als hätte er ebenso Probleme damit, sein eigenes Temperament zu zügeln. »Wer bist du? Und viel wichtiger: Wer hat dich erschaffen und warum bist du allein? Das ist inakzeptabel.«
Wovon zum Teufel spricht er?
»Inakzeptabel? Ich brauche niemanden, ich komme gut allein klar«, zischte ich, mein Tonfall gefährlich nah an der Grenze zur Respektlosigkeit.
Irritation huschte über sein Gesicht, sein Kiefer mahlte.
»Ist das eigentlich eine Kontaktlinse oder bist du blind?«, fragte ich ohne Umschweife und musterte unverhohlen seine weiße Iris.
Er verdrehte die Augen. »Lei dice la verità … Non fa senso.«
»Ist das Italienisch? Es ist unhöflich, etwas in einer Sprache zu sagen, die nicht jeder im Raum versteht.« Humor, das altbewährte Mittel meiner Wahl, um meine Nerven zu beruhigen. Auch, wenn es nicht immer gut ankam.
»Öffne deinen Mund«, verlangte er statt einer Antwort, den Blick auffordernd auf meine Lippen gerichtet.
Also doch ein Perversling! Ich wusste, dass es nicht selten vorkam, dass Frauen einfach verschwanden und nie wieder auftauchten. Ob sie ermordet oder Opfer von Menschenhandel wurden, konnte keiner so genau sagen – aber ich würde keine von ihnen werden.
»Auf gar keinen Fall! Wenn du denkst, ich blase dir deinen kleinen …«, protestierte ich, doch er nutzte die Chance meiner Antwort, umfasste mit einer Hand mein Kinn und hielt mich still. Mit der anderen zog er mir die Oberlippe hoch und übte Druck auf mein Zahnfleisch aus. Schmerz explodierte in meinem Kiefer und ließ mich wimmernd zurückzucken. Zu meiner Überraschung ließ er mich los. Ein scharfer Stich bohrte sich in meine Unterlippe und als ich sie berührte, benetzte Blut meine Fingerspitzen. Erneut hob ich die Hand an den Mund, ertastete etwas Spitzes.
»Du bist nicht nur neu, du bist neu«, murmelte der Mann leise, mehr zu sich selbst. »Das ist unverantwortlich, du solltest noch gar nicht unter Menschen sein. Vor allem nicht allein. Welcher Idiot ist dafür zuständig?«
Mein Gehirn war wie in Watte gepackt, seine Worte drangen kaum zu mir durch. Was ging hier vor sich? Jeder meiner Muskeln war angespannt, Adrenalin schoss mir durch die Adern.
Weg, ich muss fliehen. Hätte das von Anfang an tun sollen. Mein Körper protestierte, als ich aufsprang und lossprintete. Ich rechnete damit, dass er mich einfing, aber zu meiner Überraschung erreichte ich die Tür. Erleichterung durchflutete mich und ich drückte die Klinke herunter – nichts. Die Tür war abgesperrt.
»Du hast doch nicht wirklich geglaubt, es wäre so einfach? Denkst du, dass ich keine Vorkehrungen treffen würde, damit du genau da bleibst, wo ich dich haben will?«
Die Arroganz in seinen Worten ließ Wut in mir aufkochen, und ich wirbelte herum. Durch die schnelle Bewegung verschwamm der Raum für eine Sekunde vor meinen Augen und ich schwankte.
Trotzdem stürzte ich mich mit einem Aufschrei auf ihn. Er gab ein überraschtes Geräusch von sich … und blockte mich erfolgreich ab. Mit einer Leichtigkeit, die meinen Zorn nur weiter schürte und jegliche Zurechnungsfähigkeit ausschaltete.
»Ah, solange du nicht damit umzugehen weißt, nützen dir deine Krallen nichts, Kätzchen. Erbärmlich«, höhnte er, doch seine Augen glänzten, während er meine Angriffe abwehrte.
Er selbst griff mich nicht an, das machte mich rasend, und so verdoppelte ich die Bemühungen, ignorierte das Rebellieren meines geschundenen Körpers, der seinen Dienst schließlich quittierte. Mit einem Mal kippte die Welt um mich herum. Oder war ich es, die kippte? Meine Knie gaben nach, doch bevor ich auf dem Boden aufschlagen konnte, umschlangen mich starke Arme. Sein Atem streifte meinen Scheitel, während er mich hochhob, zurück zum Sofa trug und darauf absetzte.
»Wann hast du zuletzt getrunken?« Die Frage klang durch das Rauschen in meinen Ohren weit entfernt.
Ich kniff die Augen zusammen, sein Gesicht verschwamm. Schon wieder so eine eigenartige Frage. Nichts, was er sagte, ergab Sinn, und ich war so unendlich müde. Klar, auf der Straße war es nicht immer leicht, frisches Wasser zu finden, aber sollte wirklich Dehydration für diesen unangenehmen Schwindel und diese erbärmliche Schwäche verantwortlich sein?
Etwas wurde mir an den Mund gepresst, es war warm und benetzte meine spröden Lippen. Als wisse er, was zu tun war, reagierte mein verhungernder Körper ganz von allein. Meine Hände schossen hoch, klammerten sich fest, Flüssigkeit füllte meinen Mund.
Mächtig und schwer legte sich mir der Geschmack auf die Zunge. Ich nahm einen tiefen Zug und etwas Heißes und Dickflüssiges lief in meinen Rachen. Ich biss fester zu, nahm gierige Schlucke und seufzte, als der quälende Hunger langsam nachließ. Jede Zelle meines Körpers schien zum Leben zu erwachen. Der Rest der Welt trat in den Hintergrund. Alles, was zählte, war zu trinken.
Ich verlor mich in dem Geschmack, in dem Gefühl, das er in mir auslöste. Zeit existierte nicht mehr.
»Das reicht.«
Eine tiefe Stimme störte die friedliche Glückseligkeit, aber ich ignorierte sie. Mit einem genervten Knurren wurde mir die Quelle entzogen – ich protestierte.
»Du hattest genug. Mein Blut ist zu mächtig für einen Grünschnabel wie dich.« Die Worte drangen nur langsam zu mir durch, ich war so träge, als würde mir zäher Honig durch die Venen fließen.
»Mehr …«, jammerte ich kläglich. Dann erreichte die Bedeutung des Gesagten mein Gehirn.
Mein Blut ist zu mächtig. Mein Blut. Blut.
Ich riss die Augen auf und starrte ihn an – oder besser gesagt das Schlachtfeld, das einmal sein Unterarm gewesen war. Er sah aus, als hätte ihn ein wildes Tier angefallen und an ihm genagt. Die Wundränder waren ausgefranst, mir wurde übel.
Rasch zog er seinen Ärmel – den, den ich nicht in der Gasse zerfetzt hatte – über seinen Arm, um die Bissspuren zu verstecken. Bissspuren. Ich war das gewesen, hatte ihn gebissen, hatte sein …
Ich hob meine zitternden Hände, wollte mein Gesicht darin vergraben, ihn und diese Welt für einen Augenblick ausblenden.
Rot. Da war so viel Rot. Meine Haut war verschmiert, es klebte mir unter den Fingernägeln und an der Kleidung – es war überall.
Ein markerschütterndes Geräusch klingelte mir in den Ohren. Ein Schrei. Es dauerte eine Weile, bis ich bemerkte, dass es mein eigener war.
Ein klatschendes Geräusch unterbrach mein Schreien, kurz darauf setzte Schmerz ein und ich fasste mir an die brennende Wange.
Dieser Mistkerl hatte mich geohrfeigt.
»Cazzo, hör auf damit!«, zischte er. Ich zuckte zusammen. »Bene, und jetzt wirst du mir sehr genau zuhören, denn ich habe nicht die ganze Nacht Zeit. Ich muss mich um ein paar Dinge kümmern, und du wirst brav hier warten und dich nicht vom Fleck rühren, capito?«
Ohne meine Antwort abzuwarten, tätschelte er meine Wange, bevor er sich aufrichtete. Er strich sein Jackett glatt und bewegte sich Richtung Tür. Dann warf er einen letzten warnenden Blick über seine Schulter und ließ mich allein.
Was zum Teufel war hier gerade passiert und wo war ich hineingeraten? Menschenhandel? Mafia? Ja, das musste es sein. Vielleicht hatte er mich auch unter Drogen gesetzt?
Alles war besser als die Alternative, die sich in den Vordergrund meines Verstandes drängen wollte. Meine Gedanken waren genauso träge wie mein Körper und es fiel mir schwer, sie zu ordnen. Es war, als würde ich durch dicken Schlamm waten, also gab ich es auf.
Ich musste hier raus, ich musste fliehen.



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